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Daily Life in the Information Age

Veröffentlicht am von Birgit Riße

Alltag im Informationszeitalter

Leben und Arbeiten in der informationellen Gesellschaft

"Auf einer tieferen Ebene werden die materiellen Grundlagen von Gesellschaft, Raum und Zeit transformiert und organisieren sich nun um den Raum der Ströme und die zeitlose Zeit.

Nicht, dass die Menschen, Orte oder Tätigkeiten etwa verschwänden. Aber ihre strukturelle Bedeutung verschwindet, weil sie unter die unsichtbare Logik des Meta-Netzwerkes subsumiert wird, wo der Wert produziert wird, kulturelle Codes geschaffen werden und über Macht entschieden wird.“ (Manuel Castells: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft.)

Fragt man nach den gegenwärtigen elementaren Schlüsselfaktoren in Wirtschaft und Gesellschaft, die unser Leben und Arbeiten im 21. Jahrhundert durchgängig und nachhaltig prägen, so ist es vor allem die informationstechnisch möglich gewordene Basis der Informationen und Netzwerke – weltweit und weltumspannend.

Die Verbreitung der Vernetzungslogik vermittels Informations- und Kommunikationstechniken verändert die Funktionsweisen und Prozesse in Produktion, Erfahrung und Kultur wesentlich. Zwar gab es auch zu anderen Zeiten bereits Netzwerke. Aber erst die Informationstechnologie hat die materielle Basis dafür geschaffen, dass die Vernetzung historisch so umfassend ausgreifen kann und alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft und durchdringt. Gleichzeitig betroffen durch den gesellschaftlichen Wandel sind gegenwärtig direkt die allgemeinen Grundlagen der menschlichen Erfahrung: Leib, Raum und Zeit.

Der renommierte Globalisierungssoziologe Manuel Castells wertet die Konsequenzen des jüngsten Entwicklungsschubs der 3. Industriellen Revolution durch die Mikroelektronik als ein Sprung in ein neues Stadium der sozialen Evolution, in dem Kultur beginnt, sich aus dem Verhältnis zur Natur und ihrer Beherrschung zu verselbstständigen. Eine neue Geschichte der Menschen beginnt.

Ethische Entscheidungen, soziale und kulturelle Erfindungen werden analog zum beschleunigten technischen Fortschritt und seiner Steuerung nicht nur nötig, sondern überlebensnotwendig. (vgl. Günther Anders 1984: Die Antiquiertheit des Menschen und Ray Kurzweil 2013: Menschheit 2.0)

Individuell und kollektiv fordert dies die Menschen für ihre Orientierungen, Identitäten und Solidaritäten zur Aneignung einer neuen kognitiven Kartographie heraus – notwendig geworden für das neue Plateau der gesellschaftlich-technischen Entwicklung ist die Herausbildung einer entsprechenden mentalen und emotionalen Infrastruktur.

 

Noch vor 30 Jahren,

also im Orwellschen Jahr 1984, lockten die Bemühungen zu einer ‚gewagten‘ ernsthaften Beschäftigung mit den Entwicklungstendenzen und sozialen Auswirkungen der damals noch neuen Informations- und Kommunikationstechniken nicht selten ein eher amüsiertes Lächeln hervor. Nett – aber was‘ n übertriebener Quatsch. Zukünftige technisch-gesellschaftliche Veränderungen lassen sich nicht in seriöser Weise voraussehen. Doch bereits einige Jahre später ließ das Bundesministerium für Forschung und Technologie im Forschungsverbund namhafter Institute Studien zur Technikfolgenabschätzung in Deutschland durchführen.

Computer gab es zwar schon an den Büroarbeitsplätzen – mit den alten MS-DOS-Betriebssystemen, kleinen augenverderbenden Monitoren und laut kreischenden Nadeldruckern. Aber in den privaten Haushalten waren sie noch eine Seltenheit. Geldautomaten bei den Banken befanden sich noch im Erprobungsstadium. Frauen und Mädchen galten damals in ihrem Verhältnis zur Technik (heute selbstverständlich) noch als Problemgruppe.

Soziologische Überlegungen zur kommenden „Informatisierung der Gesellschaft“ wie auch die ehemals zukunftsweisenden Pläne der Bundespost zu Verkabelung und „digitaler Multifunktionstechnik“ lösten zur Zeit der Videorecorder und Hausantennen beim Durchschnittsbürger noch eher futuristische Stimmungen aus.

Handys gab es nicht. Das Internet war noch nicht in Sicht. Trotzdem bewegte sich in dieser Zeit die Öffentlichkeit in regen Diskussionen über Themen wie den Datenschutz (bis zum Boykott der ersten Volkszählung), die Gentechnologie und Künstliche Intelligenz – Themen, die nach der langen Pause durch die Beschäftigung mit der Erlebnisgesellschaft bereits heute wieder als hochaktuelle Fragen auf uns zurückgekommen sind.

 

Der gegenwärtige Blick

auf Arbeit und Beschäftigung, alltägliche Lebensbedingungen und das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen im Jahr 2014 konfrontiert mit komplett veränderten Strukturen in Wirtschaft, Politik und Lebenswelten. Ein vor allem durch die technische Entwicklung bedingter Wandel des Sozialen, der sich noch weiter beschleunigen wird.

Heute begleiten unsere gesellschaftlichen Orientierungen neuere Begriffe wie Globalisierung und globale Netzwerke, Fundamentalismus, Informationsgesellschaft, Postfordismus und Just-in-time, Telekonferenz, Global Player, Global Cities, Internet, Apps und Simulationskultur etc.

Als Kontext dahinter stehen eine beständig zunehmende weltweite wirtschaftliche Arbeitsteilung und Verflechtung zu globalen Netzwerken auf der Basis der sich stetig weiterentwickelnden Informations- und Kommunikationstechniken.

Grundlage (Schlüsselfaktor) für die neue Wirtschaft bilden Information und Wissen sowie die permanente Weiterbildung der Beschäftigten. Information ist nun der wichtigste „Rohstoff“.

Flexibleres und dezentralisiertes Produzieren von individuellen Produkten, mehr Orientierung an Qualität und Nachhaltigkeit, Franchising, Dezentraliierung von Funktionen und Verantwortlichkeiten in Netzwerken vermittels Informationstechnologie kennzeichnen die sichtbaren   Veränderungen.

Neues betriebliches Management und gewandelte Organisationskonzepte  (unter Einbezug von Unternehmenskultur, lean-organisation, der Ablösung der rigiden Tätigkeiten durch komplexe Tätigkeitszuschnitte, persönlichkeitsorientierte Weiterbildung etc.) aber auch die anteilsmäßige Verlagerung des Wirtschaftsschwerpunktes von der Güterproduktion auf Dienstleistungen mit gestiegenem Niveau an Qualifikation und Professionalisierung charakterisieren die neue Wirtschaft.

Arbeitsverhältnisse, Arbeitszeiten und Arbeitsorte sind flexibler geworden und richten sich je nach konjunkturellem Bedarf an speziell einsetzbaren Arbeitstätigkeitsegmenten und ihrer Kombination aus.

Ausdruck der gesamten technikbasierten Infrastruktur der neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsorganisation sind insbesondere „Ströme“Ströme an Kapital, Informationen, Botschaften und Bildern, Tönen, Symbolen haben eine zentrale Bedeutung in unserer Gesellschaft gewonnen.  

Die Ströme bewegen sich im Kreislauf der elektronischen Vermittlungen – mikroelektronische Geräte, Telekommunikation, computergestützte Verarbeitung, Funksysteme und Hochgeschwindigkeitstransport, der ebenfalls auf Mikroelektronik beruht (diese bilden sozusagen die materielle Basis, die simultan funktioniert).

Ströme -  in Netzwerken und zwischen den Netzwerken bilden mittlerweile den „roten Faden unserer Gesellschaft“ und gehen über den gesamten Globus.

Dabei betroffen sind Raum und Zeit. Sie werden virtuell umstrukturiert und transformiert zu geschichtslosem Raum der Ströme und zur „zeitlosen Zeit“ der globalen Netzwerke:

Infolge einer raum-zeitlichen Entgrenzung, in der Distanz durch virtuelle Mobilität irrelevant geworden ist,

und einer Vernetzung und Verschachtelung von virtuellen Räumen über den gesamten Globus, die eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen (in anderen lokalen Räumen) der Weltgesellschaft schafft.   

Vermittels technischer Kommunikation und Simulationen werden sozial und kulturell geprägter Raum und der lineare Zeitstrom aus ihrer sozialen und regionalen Verankerung in Arbeit, Biographien und Lebenswelten herausgehoben und abgeschnitten.

Gearbeitet und kommuniziert wird im Umgang mit unterschiedlichen Räumen und Zeiten – mit dem Raum der Ströme und dem lokalen Raum der Orte, „mit der Instantzeit der Computernetzwerke gegenüber der Uhrenzeit des Alltagslebens“.

Wissen wird zu Informationen, d.h. gesellschaftliches Wissen wird verwandelt zu Informationseinheiten, die von ihren Ursprungskontexten abgelöst sind und in Form von Texten, Zahlen, Stimmen, Musik und Bildern über den Globus zirkulieren (internationaler Datenfluss). Verwendbar für Arbeit und Privatleben werden diese allerdings erst dadurch, dass sie durch die Nutzer wieder zu Wissen synthetisiert werden, indem sie bei der Aneignung und Verwendung Kontextbezüge herstellen. 

Noch weitreichender in den individuellen und soziokulturellen Auswirkungen sind die Nutzungsweisen der ständig neu weiterentwickelten und marktfähig gewordenen Informations- und Kommunikationstechniken im Alltag. Damit ist nicht nur ihre selbstverständliche Anwendung im Berufsalltag gemeint, der von Beginn des informationstechnischen Einsatzes an auch die Robotik und programmierbare Maschinen miteinbezog.

Sondern gerade auch ihre soziale Prägekraft im privaten Alltag durch die Nutzung einer stetig wachsenden Vielzahl an mikroelektronischen Multifunktionsgeräten und natürlich das Internet.

Simulationskultur, Internet - Tablets, Smartphones, Apps etc. und weitere neue Entwicklungen in absehbar schnelleren Abfolgen der Marktfähigkeit und Entwicklung verändern – den Betroffenen vielfach nicht offen ins Auge fallend - in raschen Zeittakten unser Denken und unsere Gewohnheiten.

 

Zwischen neuen Optionen, Gestaltungsspielräumen aber auch Gefahren werfen die Entwicklungen neue Fragen in sozialer und politischer Hinsicht auf, die in dieser Reihe behandelt werden.

 

 

 


 

Informationen --- Schlüsselelement unserer gesellschaftlichen Organisation und Ströme von Botschaften und Bildern zwischen Netzwerken bilden mittlerweile den roten Faden in unserer Gesellschaft. Wir brauchen eine neue kognitive Kartographie – eine entsprechende mentale und emotionale Infrastruktur in der globalisierten Informationsgesellschaft.

Informationen --- Schlüsselelement unserer gesellschaftlichen Organisation und Ströme von Botschaften und Bildern zwischen Netzwerken bilden mittlerweile den roten Faden in unserer Gesellschaft. Wir brauchen eine neue kognitive Kartographie – eine entsprechende mentale und emotionale Infrastruktur in der globalisierten Informationsgesellschaft.

Die Matrix ist der Code der Nachricht. In was wird gesprochen?

Die Materie der Nachricht ist ihr Referent.  (das, worum es geht). Von was wird gesprochen?  Die Maternität bezeichnet die Funktion des Senders und der Nachricht.  Im Namen von was wird gesprochen?  Das Material ist die Ausrüstung, die das Erfassen, die Übertragung und das Empfangen der Nachricht erlaubt. Bestimmt zu was gesprochen wird. Das Materielle ist der (stoffliche) Träger der Nachricht.  Mittels was wird gesprochen?    (Jean-Francois Lyotard: Die Immaterialien)

Das Medium ist die Botschaft.   (Marshall McLuhan)

 

Die soziale Transformation, die sich mit der Netzwerkgesellschaft verbindet, reicht weit über die Sphäre des Sozialen und Technischen hinaus: Die Prozesse haben tiefgreifend Auswirkungen auf Kultur und Macht.

„Die kulturellen Ausdrucksformen werden von Geschichte und Geographie abgezogen und überwiegend durch elektronische Kommunikationsnetzwerke vermittelt, die mit dem und durch das Publikum in einer Vielfalt von Codes und Werten interagieren und endlich einem digitalisierten audiovisuellen Hypertext subsumiert werden.“ (Manuel Castells)

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