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Aisthetische Lernkultur im Zeitalter der Globalisierung

Veröffentlicht am von Birgit Riße

Aisthetische Lernkultur im Zeitalter der Globalisierung:

Zusammenführen von Chancen durch Begegnungen

„Bildung trägt … eine besondere Verantwortung im Aufbau einer Welt gegenseitiger Hilfe. (…)

Bildung muss die Saat eines neuen Humanismus werden. Ein Humanismus, der deutlich durch eine ethische Komponente charakterisiert ist und sein Gewicht auf Wissen und Respekt vor anderen Kulturen und spirituellen Werten verschiedener Zivilisationen legt. Ein mehr als notwendiges Gegengewicht zu einer Globalisierung, die ansonsten rein ökonomisch und technisch ausgerichtet wäre!" (Deutsche UNESCO-Kommission 1997: Lernfähigkeit. Unser verborgener Reichtum, S. 41)

Die Untersuchungen zum „wilden Denken“ durch Lévi-Strauss machen gerade auch durch die besondere Methodik der Ethnologen eine besondere Haltung und Umgangsweise deutlich, die sich nicht nur aus dem Sondergegenstand ´primitive` Kulturen bestimmt. Die stellt bei der eingenommenen Perspektive in der Beziehung zum „Anderen“ bzw. zum Fremden und Unbekannten für den eigenen zeitgeschichtlichen kulturellen Kontext jeweils in Rechnung, die bewusste Sicht und Reflexion auf die Prägung durch die eigenen Voraussetzungen (des modernen westlichen Denkens) nicht auszuklammern.

Sie lässt sich im erweiternden Sinne auch als offener Umgang mit dem „Fremden“ – mit dem Unbekannten beschreiben: Eine hermeneutische Denkweise, die sich zentral auf das Problem der adäquaten Beziehung zum Fremden ausrichtet. Diese drängt sich auf, wenn der Gegenstand ein anderer ist, als das uns Bekannte oder das uns Eigene, und uns eine Wandlung unserer selbst abverlangt.

Diese Haltung zum „wilden Denken“ will alles andere als ein naives Zurück zur Natur! – Es geht bei der Rationalität des Bastlers und dem wilden Denken zwischen Bild und Begriff, zwischen Mythischem und Naturwissenschaft im Kontext der zeitgeschichtlichen Entwicklungen um sehr viel mehr.

Mit Blick auf Entwicklungen wie die Globalisierung und Virtualisierung, insbesondere auf deren wachsende soziale und kulturelle Folgen, die sich zwischen der Vervielfältigung zu einer Vielzahl an Welten, Communities, Informations- und Wissensstrukturen und der sich parallel ausbreitenden weltweiten wirtschaftlich-technischen Homogenisierung der Regionen bewegen, stellt sich die Frage nach den kulturellen Entwicklungs- und Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen der Globalisierung.

Zivilisation schließt die Koexistenz von Kulturen ein, die ein Maximum der Verschiedenheit untereinander aufweisen. Die Weltzivilisation kann nicht anderes sein, als die weltweite Koalition von Kulturen, von denen jede ihre Originalität bewahrt (vgl. Lévi-Strauss): damit stellt sich die Frage nach den Möglichkeiten des Zusammenführens von Chancen durch Begegnung.

Global müssen sich z.B. die bei uns durch die Aufklärung kulturell verankerten Menschenrechte als westliche Grundwerte erst mit anderen kulturellen Haltungen verständigen - ohne Kolonialisierung. Daraus ergeben sich entscheidende Konsequenzen: Die Differenzen der unterschiedlichen Denkformen und Lebensformen legen zunächst nicht den Konsens, sondern den Dissens nahe ….  Wo und wie finden sich die Gemeinsamkeiten im radikal Verschiedenen?

Herausforderungen an die Orientierungen und Fähigkeiten sind damit nicht nur in individuell-biographischer, sondern auch in kultureller Hinsicht drängend geworden. Es stellen sich grundlegende Fragen nach möglichen Handlungsspielräumen und Chancen, nach Kommunikationsräumen für Verständigung und Solidaritäten, für Vernunft und Bildung. Im Zeitalter der Globalisierung und des Internet haben sich die Konstitution von Mündigkeit und Urteilskraft und der Stellenwert von sozialer Gestaltung geändert.

Die historisch neuartige Qualität von Mikro-Makro-Verknüpfungen – der Verflechtungen von Lokalem und Globalen - lässt die Menschen (in concreto) in die Position eines Weltbürgers rücken:  damit in eine bedeutend komplexere Lebenslage von Abhängigkeiten, Risiken und Vielfalt, auf die Bildung durch Wissen und Kompetenzen vorbereiten sollte.

Die Vielzahl an Welten, Informations- und Wissensstrukturen konfrontiert nicht nur mit der ausgreifenden Medialität und Multikulturalität in Alltag und Sozialisation, sondern verlangt auch nach einem flexiblen und kompetenten Operieren in ihnen. Sie fordern die Urteilskraft individuell und kollektiv stets auf neue heraus, die ihrerseits auch auf die adäquaten „kognitiven Landkarten“ (siehe oben Artikel kreatives Lernen 2) für die Orientierung in der globalisierten und virtualisierten Wissensgesellschaft zurückgreifen können muss.

Humanisierung und weltweite Solidaritäten, eine mögliche Entwicklung zu einem globalen Bewusstsein, das über die territorialen Weltbilder hinaus die globalen Lebensumstände als eine geteilte menschliche Lebensgrundlage  wahrnimmt, weisen in die Notwendigkeit von übergreifenden Bildungszielen. Gegenüber den ethischen und politischen Herausforderungen der Weltgesellschaft kann es dabei nicht allein um die intellektuell und strategisch kompetente Ausrüstung zum Global Player gehen.

Dabei prägen nun Multiperspektivität und Kontextwechsel, Fremderfahrungen und die Divergenz von unterschiedlichen Sinnzusammenhängen nicht mehr als Ausnahmesituation den Handlungsrahmen, sondern sind global präsent als Teil der Normalität. Plurale kontextuelle Hintergründe, die auf die unterschiedlichen Lebenslagen, Erfahrungen, Werte, Deutungsformen und differente Verarbeitungsmuster hinweisen, lassen nicht mehr die Ähnlichkeit kommunizierender Subjekte im Code gleicher Sprache – also die Symmetrie des Dialoges –  voraussetzen, sondern konstitutiv werden die Differenzen im Dialog  - damit des Polyloges (zwischen den Codes unterschiedlicher Sprachen und ihren sozio-kulturellen Kontexten).

Mit diesen übergreifenden Problemstellungen und Zielsetzungen für Bildung sind Aufgaben und Anspruch aisthetischer Lernkultur in weitergreifender Hinsicht auf die Bedingungen und Chancen von Urteilskraft, Humanität und Verständigung in den Kontext einer kulturellen Globalisierung eingebunden.

Dabei liegt ein Schwerpunkt insbesondere in der Förderung der Wahrnehmungsfähigkeit und Wirklichkeitsverarbeitung für ein adäquates Unterscheidungs- und Urteilsvermögen wie auch in der Entwicklung eines beweglichen relationalen und kreativen Denkens für den konstruktiven Umgang mit Differenzen und Differentem (vgl. Artikel 3 u. 5).

In Abgrenzung von der Ästhetik des Schönen in Design und Kunst (vgl. Wolfgang Welsch 1993: Die Aktualität des Ästhetischen) gründet sie in der tiefgehenden Bedeutung der aisthesis. Denken und Lernen verbinden sich mit: 

einem beweglichen, differenziert abwägenden und vieldimensionalen Denken

Evozieren im Umgang mit multiplen Perspektiven und Kontexten

der Bricolage einer unabgeschlossenen Suchbewegung nach neuen Erkenntniswegen, Ansätzen, Lösungen und Gestaltungen

einem kontextbezogenen Pragmatismus, der die Rechte des Besonderen würdigt, und die Verknüpfung verschiedener Möglichkeiten ins Auge fasst,

erkennendem Wahrnehmen durch hinsehende und antwortende Vernunft.

Kreativität lässt sich in dieser Hinsicht keinesfalls mit dem Lösen einer Denksportaufgabe verwechseln! Kreatives Denken und Handeln können nicht einfach von dem Sinn- und Bedeutungskontext der Menschen in ihren Lebenszusammenhängen getrennt werden.

Die Entwicklung einer aisthetischen „Kultur des blinden Flecks“ (Wolfgang Welsch) könnte mithin den Weg in eine entsprechende politische Kultur der Toleranz eröffnen.

In Prinzip und Grundgedanken verwandt mit den Utopien der Hoffnung (Bloch), des gewaltlosen Miteinander des Verschiedenen (Adorno), der Vielheit (Welsch) und der friedlichen Koexistenz (Bauman)

wird eine derartige Kultur als ein Experimentier- und Entwicklungsfeld zu einer Begegnungskultur mit möglichen Solidarisierungen und der Entfaltung von sozialer Phantasie vorstellbar.

Vergleichbar mit der methodischen Einstellung der Ethnologie von Strauss könnte dieses Feld nur im Sinne eines „geschärften Bewusstseins“ und einer „gewagten“ offenen Entwicklung verstanden werden, dem die eher „bescheidene“ Haltung eines kontextbezogenen Pragmatismus zugrundliegt: in der die Rechte des Besonderen gewürdigt werden, ebenso wie des Lokalen, Bruchstückhaften etc. gegenüber Verallgemeinerungen, Durchschnitten, strengen Rastern, assimilierenden Regelungen.    

Postmodern bescheiden und pragmatisch gewendet werden solche Utopien durch das zugrundeliegende Freiheits- und Gerechtigkeitsverständnis sowie durch die konstitutive Grundhaltung für eine gewaltfreie Koexistenz und die Anerkennung der Lebensrechte, der differenten Lebensformen und Positionen auch der Minderheiten in der Pluralität.

Allerdings kann auch dieses Anliegen an eine kulturelle Globalisierung vor dem faktischen Hintergrund der virtuellen Medialität und der gewandelten Kommunikationsbedingungen nur ein diffiziles Projekt sein. In „einer Öffentlichkeit, die rund um den Erdball mit Lichtgeschwindigkeit kommuniziert“ mit unterschiedlichen Referenzrahmen, Wirklichkeiten und einer Überproduktion und Beschleunigung von Bildern, Fiktionen und Aussagen sind Verständigung und Solidarisierung weniger durch fehlende Kommunikationsmöglichkeiten als durch Überkommunikation bedroht.

Virtuelle Medialität von Gesellschaft und globale Öffentlichkeit(en), ebenso die in den verschiedenen Alltagsbereichen unterschiedlich spürbaren qualitativen Umbrüche in elementaren Orientierungs- und Handlungsebenen wie Kommunikation, Zeit, Raum, Wissen, Verschmelzen von Fiktionalem mit Realem etc. lassen insbesondere Kommunikation und Verständigung unter anderen erschwerenden Vorzeichen erscheinen.

Doch gerade unter dem kulturellen Anspruch, die Globalisierung nicht allein Wirtschaft und Technik zu überlassen und Möglichkeiten zu einem Zusammenführen von Chancen durch Begegnungen zu schaffen,

signalisieren Aussagen wie aus den ethnologischen Forschungen zum „wilden Denken“ wiederum Hoffnung: Dass sich das Gattungswesen Mensch über den Aufschwung seines technologisch-wirtschaftlichen Fortschrittes den notwendig nachzuholenden kulturell-menschlichen Fortschritt (vgl. Günther Anders 1983: Die Antiquiertheit des Menschen) geschichtlich auch zutrauen kann.

Das ursprüngliche Vermögen der Menschheit  im „wilden Denken“ steht immer noch zur Verfügung – auf neuem historischen und kulturellen Tableau.  „Wenn die Menschen seit jeher nur eine einzige Aufgabe in Angriff genommen haben, nämlich eine Gesellschaft zu schaffen, in der es sich leben läßt, dann sind es die Kräfte, die unsere fernen Vorfahren angespornt haben, auch in uns gegenwärtig. Nichts ist verspielt: wir können alles von vorn anfangen.“ (Lèvi-Strauss: Traurige Tropen 1996)

 

 

Es ist diese untergründige Beziehung zum „wilden Sein“, die es nicht nur ermöglicht, dass unsere Geschichte in Strukturen aufgehoben wird, die uns heute noch fremd sind, sondern dass wir uns dort auch aufgehoben fühlen können. Unter diesem Gesichtspunkt spricht schließlich vieles dafür, dass die Möglichkeiten von zwanzigtausend Jahren Geschichte doch nicht gänzlich vergeben sind, sondern auf einem neuen Tableau erneut zur Verfügung stehen, ohne allerdings jene ausschließlich prägende Kraft zu entfalten, die zuvor die eigene Kultur zur zweiten natürlichen Ordnung werden ließ. Die Worte Lévi-Strauss‘ sind insofern aktueller denn je.

Michael Kauppert, Dorett Funke 2008: Zwischen Bild und Begriff

Aisthetische Lernkultur im Zeitalter der Globalisierung
Zusammenführen von Chancen durch Begegnung

Zusammenführen von Chancen durch Begegnung

Humanisierung und weltweite Solidaritäten, eine mögliche Entwicklung zu einem globalen Bewusstsein

Humanisierung und weltweite Solidaritäten, eine mögliche Entwicklung zu einem globalen Bewusstsein

„Bildung trägt … eine besondere Verantwortung im Aufbau einer Welt gegenseitiger Hilfe. Die Kommission vertritt die Ansicht, dass Bildungspolitik diese Verantwortung widerspiegeln sollte. Bildung muss die Saat eines neuen Humanismus werden. Ein Humanismus, der deutlich durch eine ethische Komponente charakterisiert ist und sein Gewicht auf Wissen und Respekt vor anderen Kulturen und spirituellen Werten verschiedener Zivilisationen legt. Ein mehr als notwendiges Gegengewicht zu einer Globalisierung, die ansonsten rein ökonomisch und technisch ausgerichtet wäre! Das Gefühl gemeinsamer Werte und eines gemeinsamen Schicksals ist die Plattform, auf der jede Form internationaler Zusammenarbeit ruhen muss.“ (Deutsche UNESCO-Kommission 1997: Lernfähigkeit. Unser verborgener Reichtum. UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21 Jahrhundert, S. 41)

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