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Kreatives Lernen ist wildes Lernen

Veröffentlicht am von Birgit Riße

Kreatives Lernen ist wildes Lernen

Wildes Lernen. Persönlichkeitswachstum durch Lernprovokationen

"Bildung beginnt mit Neugierde. Man töte in jemanden die Neugierde ab und man stiehlt ihm die Chance, sich zu bilden. Neugierde ist der unersättliche Wunsch, zu erfahren, was es in der Welt alles gibt." (Peter Bieri)

Neugierde ist der Beginn bei allem positiven und produktiven Handeln - insbesondere beim Lernen.

Sie versetzt den Menschen in die Lage, sein Denken und Tun aus eigenem Interesse und innerem Antrieb selbst zu bestimmen. Gerade das verschafft ihm beim Erkennen und Lernen Freude auf sich selbst, andere Menschen - auf die Welt. Dies nicht nur bei Kindern und Jugendlichen, sondern in jedem auch fortgeschrittenen Alter.

Durch die experimentelle Gehirnforschung wissen wir: das Lernen selbst stimuliert von Kindheit an die Aufmerksamkeit, positive Gefühle und Glücksempfinden - die Entfaltung dieser natürlichen Veranlagung hängt jedoch entscheidend davon ab, wie gelernt wird.

Damit angesprochen sind auch gleichzeitig der Sinn und die Bedeutungen, die der Schüler dem Gelernten zuschreibt. Lernt er nur für die Noten oder kommt Begeisterung für die Dinge auf - erscheint es wichtig, dasjenige zu wissen, die Antwort auf diese Frage zu finden, eine neue Lösung bei dem vorliegenden Problem zu bekommen oder eine neue Sichtweise bei diesem Gebiet zu entwickeln.

Wird Lernen zur erzwungenen und freudlosen Pflicht, zum sinnlos erscheinenden Trichtern und Auswendiglernen von Lernstoff irgendwas aus Fach sowieso, erscheint es bloß noch als mühsame Anstrengung für etwas, das nach der Abprüfung auch schnell wieder vergessen werden kann.

Weder die riesigen Mengen an abfragbaren Fakten, abstrakten Regeln, Vokabeln ---- noch ständige Test- und Bewertungssituationen ---- noch weniger empfundener Überdruss und Langeweile ----- schon gar nicht Druck, Angst und vielleicht Zynismus im Schulalltag bringen Kinder und Jugendliche dahin, was ihr Gehirn eigentlich von sich aus gerne tun möchte: nämlich sinnvoll begreifen und lernen, verstehen und daran wachsen.

So sind es gerade doch auch die persönlichkeitsbezogenen Fähigkeiten wie zu selbstständigen Orientierungen und Entscheidungen, zu kreativem Denken und originellen Problemlösungen, wie Kommunikationsfähigkeiten und Verhandlungsgeschick, Teamfähigkeit etc., die in der gegenwärtigen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft dringend gebraucht werden.

Und in Anbetracht dessen, dass - mit der Formulierung des bekannten Neurologen und Lernforschers Manfred Spitzer gesprochen - das Gehirn "das Protokoll seiner Benutzung" ist, ist es naheliegend, Lernen und Unterricht mehr aus der Perspektive der lernenden Schüler zu berücksichtigen und ebenso in dem, was sie letztendlich als "Lernerfolg" durchs Leben begleitet.

Selbst die ausgefeilteste Informations- und Wissensvermittlung und das intensivste "Pauken und Üben" können auch mit hundertfachen Inhalten und ein Vielfaches an Zeittakten nicht erreichen, was erfahrungs- und handlungsorientierter Unterricht in Projekten in einigen Wochen bzw. Monaten an Lernprozessen und Lernereignissen bei den Schülern anregen kann.

Mit Blick über die Schranken von gängigen Formen der Vermittlung von Lerninhalten, die bereits stellvertretend gedeutet und fremderschlossen sind und nur noch reproduziert werden müssen, kann ein Unterricht, auch offen ist für kreative Lernprozesse sein. Hier geht um die Entstehung neuer bildender Erfahrungen bei den Schülern in der arrangierten und pädagogisch angeleiteten Lernsituation (vgl. Birgit Riße 2004: Mündigkeit in der Postmoderne).

Qualifizierung und Persönlichkeitsbildung müssen sich dabei auch nicht gegenseitig ausschließen, sondern können sich im Gegenteil miteinander verbinden in erschließenden, entschlüsselnden und orientierenden Lerntätigkeiten. Z.B. Über die Möglichkeiten zu erkunden, zu sammeln und auszuwählen, zu vergleichen, zu experimentieren, zu erfinden, zu entdecken, zu strukturieren, auszuprobieren, zu diskutieren und Vieles mehr.

Mit dem Erschließen der Lerngegenstände und Lernaufgaben werden Schüler aktiv in Wahrnehmung, Nachdenken und im problembezogenen Handeln wie durch das Verständigen in der Lerngruppe. Gleichzeitig können sich die Lernenden in ihrem inneren und äußeren Handeln auch selbst erschließen und sich weiterentwickeln - lernen!

Unterricht entfaltet sich in Situationen der Erkenntnis und das Lernen verläuft durch Aktionen der Erkenntnis. Die Schüler werden selbst zu Erzeugern ihres Wissens und ihr Begreifen wächst aktiv zu einem eingreifenden Begreifen.

Auch Rückschritte, Umwege und Abwege beim Lernen können so äußerst produktiv werden. Im Unterschied zum Lernen durch positives und testbares Wissen lässt sich kreatives Lernen durch seine offenen Denkbewegungen und experimentellen Formen eher als ein wildes Lernen bezeichnen.

Denn ganz im Sinne des Anthropologen und Philosophen Claude Lévi-Strauss (Das wilde Denken) lässt sich dieses Lernen als ein wildes Lernen auch vergleichen mit der besonderen (sehr erfolgreichen) frühgeschichtlich ausgeprägten Denkweise und Methodik des Forschens und Erkennens durch eine "Art intellektueller Bastelei" ohne vorgezeichnete und festgelegte Bahnen und Regeln (als qualitativ intuitiv-offenes Vorgehen auch wichtiger Anteil in der heutigen modernen Wissenschaft).

Lernanstöße zu offenen und kreativen Formen des Lernens im Umgang mit Differentem und Differenzen und neue bildende Erfahrungen im Rahmen von nicht bereits Fertigem, Festgelegtem, Erfassten und Bestimmten z.B. in verschiedenen Perspektiven, bei unterschiedlichen Denkformen, in der Kommunikation, zwischen den Kulturen, bei Problemlösungen. Intellektuell sich einlassen auf ein Wahrnehmen, Beobachten und Begreifen, dass sich mit Intuition und Experimenten verbinden kann.

Fortsetzung folgt

Kreatives Denken und Lernen: statt das Bekannte beständig zur reproduzieren - die gewohnten Pfade verlassen und nach neuen Wegen und Formen suchen, ein neues reflektiertes Sehen, Mut zu Unbekanntem und Experimenten, zu neuen Sichtweisen, Übergängen und Brückenschlägen, zu neuen noch unbekannten Formen der Problemlösung, Mut zu sozialer Phantasie und Toleranz

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