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Kreatives Lernen ist wildes Lernen: Begegnung und Dialog

Veröffentlicht am von Birgit Riße

Kreatives Lernen ist wildes Lernen: Begegnung und Dialog

Begegnung und Dialog:

Lernen im Miteinander statt Gegeneinander

„Es kommt vor, dass ein Gedanke, der bisweilen innerlich schon formuliert wurde, bisweilen auch nicht, die Seele insgeheim bedrängt und sein Einfluss auf sie dennoch schwach bleibt. Hört man diesen Gedanken nun außerhalb seiner selbst von einem anderen formuliert, und zwar von jemand, dessen Worte man Aufmerksamkeit schenkt, so wird die Kraft hierdurch verhundertfacht, und es kann geschehen, dass er eine innere Umwandlung bewirkt.“ (Simone Weil)

Selbstständiges Sprechen und selbstbewusstes Sprechen der Schüler gehören in der Regel nicht zum Schulalltag. Der Überhang an lehrerzentrierten Unterrichtsgesprächen treibt Schüler kommunikativ in die Defensive, besonders die nicht so sprachgewandten „Schweiger“. Denn alles Denken und Sprechen kreist dann um die Hyperaktivität der Lehrer und ihre gängigen Frage- und Impulstechniken, wie es die Unterrichtsszene beispielhaft in Bild 4 zeigt.

Doch eine konstruktive Kommunikation und das nachhaltige Lernen von kommunikativen Kompetenzen wie auch der Abbau von vorhandenen Ängsten und Unsicherheiten brauchen das entsprechende Arrangement im Unterricht. Die Potenziale der meisten Schüler sind nicht ausgeschöpft.

Sprechen, Zuhören, Argumentieren und Miteinanderreden lernt man am besten, indem man es tut. Kommunikation muss gelernt werden. In kleinen Schritten, durch vielfältige Übungen und themenzentrierte Sprechanlässe.

Im Management von Großunternehmen wurde bereits vor längerer Zeit erkannt, welche Gefahren aus erstarrten Kommunikationsstrukturen entstehen können und welche enormen Energien und Potentiale eine offene konstruktive Kommunikation freizusetzen vermag. Hierarchische und direktive Kommunikation verhindert Entwicklungen zu neuen Lösungswegen.

Hektik im Alltag, aggressive und suggestive Reizüberflutung durch die Medien lassen oftmals nur noch enge Wahrnehmungsfilter zu. Verbreitete Gesprächshaltungen wie das Streben nach Überlegenheit im Wettstreit und das Alles- und Besserwissertum verhindern alle alternativen konstruktiven Gesprächsverläufe. Zu diesen gehört immer auch das offene aktive Zuhören und Aufeinander Eingehen.

Vielfach diktieren Frontaltechniken und die Profilbildung der Beteiligten, wie es oft in Politik und Talkshows vorgeführt wird. Bei einem bewussten Missverstehen im Gegeneinander der Positionen können Streit und Konflikte nur noch über Selbstbehauptung gelöst werden.

Problematisch wird eine solche Art des Gesprächs- und Konfliktverhaltens im Bereich der sozialen Beziehungen, z.B. in der Familie, in Schule und Ausbildung, am Arbeitsplatz.

Bei sozialen Auseinandersetzungen zwischen sozialen Gruppen mit differenten materialen Interessen und Positionen, mit unterschiedlichen Lebensformen und Wertvorstellungen kann ein solcher Weg die Verständigung verhindern (z.B. die Differenzen zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern, zwischen kulturell und ethnisch unterschiedlichen Gruppen etc.).

Ausgeblendet wird dabei, dass eine tolerante Umgangsweise mit Differenzen durch unterschiedliche Sichtweisen und Denkweisen auch zu einer Bereicherung für Beziehungen, Ansichten und Orientierungen, für Methoden, für erweiterte Fähigkeiten und Denkweisen führen können. Weltoffene Neugierde und bildende Erfahrungen im Umgang mit Fremdem schließen ebenfalls eine Wehrhaftigkeit gegen Gewalt, Repression und Intoleranz nicht aus.

Die psychologischen Erkenntnisse über die Beziehungsebenen von zwischenmenschlicher Kommunikation, über ihre Dynamik und Störungen widersprechen der direktiven Grundhaltung – wenn es um eine Verständigung geht.

Im Dialog ist die Wechselbezüglichkeit des Denkens und Sprechens und die wechselseitige positive Anerkennung der Person unbedingte Voraussetzung. Seit der Frühgeschichte der Menschen ging es bei der Sprache nicht primär um das ‚Verworten‘ von Dingen. Sondern um die Verständigung von zwei oder mehreren Menschen über Situationen, was unbedingt ein besonderes Aufeinander-angewiesen-sein, ein Miteinander, beinhaltete.

Mit dem Philosophen Martin Buber lässt sich deshalb nicht einfach von Kommunikation, von Austausch, von Gesprächen, von Diskussionen sprechen, sondern eher von Begegnungen und Erfahrungen, die für die Dialoge grundlegend sind.

In einen Dialog treten, einen Beziehungskonflikt dialogisch im Gespräch aufnehmen und lösen, dialogisch in der Gruppe lernen und in einem dialogischen Prozess themenzentriert Gedanken und Ideen entwickeln, setzt die entsprechende offene Gesprächshaltung und notwendige kommunikative Fähigkeiten voraus.

Miteinander statt Gegeneinander und das dafür unabdingbare Sich-hinein-Versetzen (und Einfühlen) in die Perspektive des Gesprächspartners und sein gesprochenes Wort bedeuten vielfach auch, den Blick zu schärfen für die eigenen Wahrnehmungen und darin unbewusst wirksamen Filter und Schranken, auf Denkverzerrungen und eingefahrene Gefühlsmuster. Im Erfahrungszusammenhang der Begegnung impliziert dies auch eine kritische Distanzierungsfähigkeit des erkennenden Bewusstseins zur eigenen kulturellen Basis.

Besonders die Erfahrung als Erfahrungsraum und Erfahrungsprozess spielt im Gespräch und beim Lernen eine sehr große Rolle. (Birgit Riße: Mündigkeit in der Postmoderne 2004) Dialogische Erkenntnisse sind gemeinsam produzierte und geteilte Erkenntnisse, die im Erfahrungsraum des Dialoges entstehen. Konfrontiert mit den hereinspielenden biographischen Erfahrungen aller Beteiligten geht es doch hier um den offenen Zugang zu möglichen neuen Erfahrungen und Erkenntnissen. Im Zusammenspiel von Erfahrendem, Erfahrenem und Miterfahrendem kann sich deren Reichweite auf der Grundlage eines kooperativen Problemlösungs- und Lernprozesses noch erweitern (s.o.).

Im Dialog zwischen den Menschen entfaltet sich Vernunft als responsive (d.h. als antwortende!) Vernunft (vgl. die Philosophien von Albrecht Wellmer, Bernhard Waldenfels). Sie geht über die Ebene des Austauschens der Argumente hinaus und lässt gerade auch Erweiterungen der Wahrnehmung und des Denkens bei den Gesprächspartnern zu: Kann zu Persönlichkeitswachstum durch Lernprovokationen im Dialog anstoßen.

Für den weltweiten interkulturellen Dialog hat der südamerikanische Philosoph Raúl Fornet-Betancourt solche Verwandlungsprozesse in ihrer Charakteristik beschrieben (Unterwegs zur interkulturellen Philosophie 1998):

„Der eigentliche Sinn des interkulturellen Dialogs als Methode zum besseren Kennenlernen der Andersheit, aber auch zur tieferen Selbsterkenntnis des Eigenen wird aber missverstanden, wenn man unter ‚Kennenlernen‘ die einfache Bedeutung ‚Notiz nehmen‘ oder ‚Bescheid wissen‘ versteht. Denn es geht vielmehr um einen zweidimensionalen Prozess der Information, bei dem wir uns informieren (im Sinn gegenseitiger Mitteilung), zugleich aber gestalten lassen (in dem Sinn, dass wir uns durch das Mitgeteilte formen lassen). Mit Panikkar könnte man auch vor dem Hintergrund einer buddhistischen Tradition von einer ‚Erkenntnisart‘ sprechen, die sich als reziproker Prozess zwischen den Subjekten vollzieht, die zusammen zu einer neuen Existenz geboren werden.“

„Die Zugänge zwischen den Menschen offenhalten“ fordert Elias Canetti und schreibt den Dichtern die Rolle als Hüter der Verwandlungen zu. Doch nicht allein in der Kunst, sondern auch im Alltag und in der Politik hat der Anspruch Geltung.

Metaphern wie der ‚Blick über das Gatter‘, nach ‚Übergängen suchen‘, ‚Brücken über Gräben bauen‘ beschreiben eine Haltung, die sich dialogisch von einer responsiven Vernunft leiten lässt und nach neuen Ansätzen und nach Verbindendem sucht.

Toleranz kann sich in einem solchen Verständnis nicht im Dulden erschöpfen. Sie weist auf eine Begegnungskultur im Miteinander der Verschiedenen, die auch Solidarisierungen zwischen ihnen zulässt. Dies vor allem in einem weitergreifenden Bedenken auf den Kontext von Verständigung und politischer Ethik und von Humanität und einer möglichen Universalisierung von unten.

Fortsetzung folgt

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Bookofra Online 11/14/2013 17:35

Du gibst dir wirklich mühe mit deiner Seite