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Kreatives Lernen ist wildes Lernen: Wir brauchen eine neue Lernkultur

Veröffentlicht am von Birgit Riße

Kreatives Lernen ist wildes Lernen: Wir brauchen eine neue Lernkultur

Wir brauchen eine neue Lernkultur:

Aisthetik des Lernens

„Von tausend Punkten weiterdenken, nicht von einem.“ (Elias Canetti) Das Selbst kommt in Bewegung und verschiebt den Blickwinkel aus sich heraus.

Mit diesen Worten lässt sich bereits der Grundgedanke für eine neue erweiterte Kultur des Lernens und des Unterrichts akzentuieren, in der kreative Lernformen in den Schulen genügend Raum finden sollen.

Lernprinzip des Kreativen Lernens

Nicht nur im Hinblick darauf, dass auch im Mathematikunterricht lernwirksamere aktivierende Methoden eingesetzt werden können, wird kreatives Lernen interessant.

In weitergehender Hinsicht denkt Lernkultur an ein unterschiedlich einsetzbares Lernprinzip des kreativen Lernens, dass sich mit den stofflichen Eigenarten und Besonderheiten der Fächer jeweilig vermittelt und methodisch sinnvoll in den Unterrichtsverlauf eingebaut wird. Methodische Vielfalt in Verbindung mit offenen aktiven und kreativen Formen lässt das Lernen "lebendig" werden.

Vermitteln durch das Trichterprinzip unterstellt einen "Lehr-Lern-Kurzschluss" und verfehlt damit eine tiefere Wirksamkeit für Gedächtnis und spätere Verwendung des Wissens (wie bereits in Artikel 2 beschrieben). Auch die Lernsituationen in der Schule sind zunächst Lernangebote, d.h. was in ihnen gelernt wird, unterliegt der Entscheidung des Lernenden, der die innere Auseinandersetzung mit ihnen immer nur für ihn selbst durch Sinn und Bedeutung begründet auf sich nimmt.

Entscheidend bei der Strukturierung im Gedächtnis und für seine Anwendung bei Problemlösungen und anderen Handlungszusammenhängen ist damit nicht allein die gesellschaftliche Akzeptanz des Wissens (‚das muss man wissen‘, ‚für später mal‘, ‚das kommt in der Klassenarbeit dran‘). Sondern vielmehr ob der Lernende über das Lernarrangement auch die Chance bekommt, die Lerninhalte in Form aktiver Aneignungswege als für ihn relevant tiefergehend zu be-greifen!

Intensiv für Erkenntnisprozesse wird das Lernen insbesondere immer dann, wenn die Schüler durch ihr Handeln in Unterrichtssituationen produktiv Erfahrungen machen können: im Denken und bei Gesprächen, beim Entschlüsseln und Erschließen der Lerngegenstände und Aufgaben. Lernen verbleibt dann nicht mehr als rezeptive und defensive Haltung im Unterricht, sondern verbindet sich mit den Fragestellungen, dem Sinnverstehen und Bedeutungshorizont des Schülers - wird aktiv und produktiv.

Entgegen den defensiven Lernhaltungen kann Lernen „expansiv“ (Klaus Holzkamp) werden und die subjektiven Möglichkeiten eines jeden Schülers in Bewusstsein, Fähigkeiten und Haltungen erweitern. Offene reflexive Lernbewegungen machen im Spiel von Erkennen und Wahrnehmen qualitative Lernsprünge möglich.

Im Unterschied zu den künstlerischen Formen von Ausdruck und Gestaltung, als die vornehmlichen Kernbereiche der Ästhetik, richtet sich kreatives Lernen im Sinne einer verstandes- und vernunftgeleiteten Wahrnehmungsästhetik (erkennendes Wahrnehmen) auf die Verbindung von Reflexion, Erkennen und Wahrnehmen, d.h. auf eine vernunftbezogene Sensibilität und Entwicklungsfähigkeit beim Denken, bei Gesprächen etc.

Damit widerspricht das Plädoyer zu einer Erweiterung des Unterrichts mit wahrnehmungsintensivierenden reflexiven Lernprozessen ausdrücklich der vorherrschenden Abgrenzung des Kreativen in die Randbezirke Freizeit sowie Kunsterziehung und Musikunterricht mit ihren eigenständigen Wirkungsbereichen.

Produktives Erfahrungslernen erfordert die entsprechenden Lernanlässe und den entsprechenden Handlungsspielraum für Begegnungen und offene entwicklungsfähige Prozesse.

Begegnungen sind nicht nur für die Kunst Wurzel der kreativen Prozesse und kreativen Gestaltungen: als Auseinandersetzung mit inneren und äußeren Formen, als Provokation, als Loslösung von Fixiertem, als Auseinandersetzung mit Grenzen, als bewusste Formgebung in der äußeren Gestaltung.

Auch durch den bewussten Umgang mit den Grenzen der eigenen Wahrnehmung und Denkstrukturen werden sie ebenfalls wirksam

in Form der Begegnung mit Lerngegenständen und Lernaufgaben,

als Begegnung im Dialog (siehe Bild 1 u. Bild 2):

  • in der Spannung zwischen Bekanntem und Neuem als Spielraum für qualitative Lernsprünge,
  • in dem Bruch mit Gewohntem,
  • in grenzüberschreitenden Erfahren und Denken zu neuen Ansichten und Sichtweisen,
  • in produktiven Differenzerfahrungen (wie z.B. im Umgang mit Literatur und durch kreatives Schreiben),
  • in evozierenden (d.h. offen auslösenden und entwickelnden) Verarbeitungsformen.

In Anlehnung an die strukturale Anthropologie von Claude Lévi-Strauss (das „wilde Denken“ und „die Logik des Konkreten“) lässt sich diese Form des kreativen Lernens damit auch als wildes Lernen beschreiben (vgl. Artikel 1): als offener experimenteller Prozess des Erkennens, der nicht von linearen Ableitungen und vorgefassten Ergebnissen ausgeht - ohne Fixierungen und festgeschriebene Regeln bleibt. (vgl. unten Zitat 1)

Wildes Denken und die Wissenschaft des Konkreten

„Wildes Denken“ bezeichnet die ursprüngliche Weise der Menschheit zu beobachten und zu erkennen in der mythischen Eigenart des Denkens – eine Art des wissenschaftlichen Denkens, das der Intuition nahekommt und mit Zeichen als Vermittler zwischen der Naturerscheinung und der Erkenntnis arbeitet.

Methodisch nachvollziehbar als ein immer neues Arrangement von Elementen inmitten der konkreten Erscheinungen, methodische Beobachtung durch Erfassen und Bestimmen, Beziehungen herstellen zwischen den Elementen. Darin unterscheidet es sich von der systematischen experimentellen Erkenntnisweise und Technik der neuzeitlichen abstrakten Wissenschaft, die in ihrem begrifflichen Erfassen und mit ihren Gesetzen über den Naturerscheinungen steht.

Der ästhetische Weltzugang der Kunst wiederum liegt mit seinem Anspruch der gewaltfreien Naturnachahmung und Kommunikation (Mimesis), der der technisch-wissenschaftlichen Manipulation der Natur entgegensteht, zwischen beiden Arten der konkreten und abstrakten Wissenschaft.

Der Geist der Praxis

Wenn der Anthropologe und Strukturalist Merleau-Ponty vom wilden Denken spricht, meint er damit vornehmlich die Denkweise von Kindern, wobei er sich dagegen wendet, dieser ihr Eigenrecht zu entziehen, indem man sie nur als primitive Vorstufe der erwachsenen (psychologisches Entwicklungsschema der kognitiven Entwicklung in der Kindheit) gelten lässt.

Lévi-Strauss geht noch weiter: Unter dem Titel der „Wissenschaft vom Konkreten“ argumentiert er, dass neben „dem Entwurfsdenken des Ingenieurs auch das Denken des Bastlers („bricolage“) nicht nur sein Eigenrecht behauptet, sondern darüber hinaus jede wissenschaftliche Praxis produktive Bestandteile des Letzteren enthält“. (vgl. unten Zitat 2)

Denn das wilde Denken unserer frühgeschichtlichen Vorfahren lässt sich nicht allein auf das Reservat, das Denken der Wilden beschränken. Sondern ist auch heute noch eine relevante Denkform für kreative und innovative Verfahrensweisen. Heute ist es Teil unseres eigenen neuzeitlichen abstrakten Denkens - ohne sich jedoch dadurch hierin aufheben zu lassen. Gegenüber einer Metaphysik Hegels lässt sich der wilde Geist auch als der Geist der Praxis verstehen. (Fortsetzung folgt)

 

"Es ist nun aber eine Tatsache, dass Methoden dieser Art geeignet waren zu bestimmten Resultaten zu führen, die unerlässlich waren, damit der Mensch die Natur von einer anderen Seite her angreifen konnte. Anstatt das Werk einer ‚fabelbildenden Funktion‘ zu sein, die der Wirklichkeit den Rücken zuwendet – wie so oft behauptet wurde, liegt der Hauptwert der Mythen und Riten darin, Beobachtungs- und Denkweisen, wenn auch nur als Restbestände, bis heute zu erhalten, die einer bestimmten Art von Entdeckungen angemessen waren (und es ohne Zweifel bleiben werden): jenen Entdeckungen, die die Natur zuließ, unter der Voraussetzung der Organisation und der spekulativen Ausbeutung der sinnlich wahrnehmbaren Welt in Begriffen des sinnlich Wahrnehmbaren. Diese Wissenschaft vom Konkreten musste ihrem Wesen nach auf andere Ergebnisse begrenzt sein als die, die den exakten Naturwissenschaften vorbehalten blieben, aber sie war nicht weniger wissenschaftlich und ihre Ergebnisse waren nicht weniger wirklich. Zehntausend Jahre von den anderen erworben und gesichert, sind sie noch immer die Grundlage unserer Zivilisation.“ (Lévi-Strauss 162013: Das wilde Denken, S. 28f.)

 

 

„Im Übrigen hält sich bei uns eine Form der Tätigkeit, die es uns auf technischem Gebiet sehr wohl ermöglicht, das zu begreifen, was auf dem Gebiet der Spekulation einmal eine Wissenschaft sein konnte, die wir lieber eine ‚erste‘ als eine primitive nennen wollen: die Tätigkeit nämlich, die allgemein mit dem Ausdruck bricolage (Bastelei) bezeichnet wird. In seinem ursprünglichen Sinn läßt sich das Verbum bricoler auf Billard und Ballspiel, auf Jagd und Reiten anwenden, aber immer, um eine nicht vorgezeichnete Bewegung zu betonen: die des Balles, der zurückspringt, des Hundes, der Umwege macht, des Pferdes, das von der geraden Bahn abweicht, um einem Hindernis aus dem Weg zu gehen. Heutzutage ist der Bastler jener Mensch, der mit seinen Händen werkelt und dabei Mittel verwendet, die im Vergleich zu denen des Fachmanns abwegig sind. Die Eigenart des mythischen Denkens  besteht nun aber darin, sich mit Hilfe von Mitteln auszudrücken, deren Zusammensetzung merkwürdig ist und die, obwohl vielumfassend, begrenzt bleiben; dennoch muß es sich ihrer bedienen, an welches Problem es auch immer herangeht, denn es hat nichts anderes zur Hand. Es erscheint somit als eine Art intellektueller Bastelei, was die Beziehungen, die man zwischen mythischem Denken und Bastelei beobachten kann, verständlich macht.“ (Lévi-Strauss 162013: Das wilde Denken, S. 29, Hrvh. BR)

 

Aisthetisches Denken und Lernen verbinden sich mit: - einem beweglichen, differenziert abwägenden und vieldimensionalen Denken - Evozieren im Umgang mit multiplen Perspektiven und Kontexten  – der Bricolage einer unabgeschlossenen Suchbewegung nach neuen Erkenntniswegen, Ansätzen, Lösungen und Gestaltungen  - einem kontextbezogenen Pragmatismus, der die Rechte des Besonderen würdigt und die Verknüpfung verschiedener Möglichkeiten ins Auge fasst, - Erkennendem Wahrnehmen durch hinsehende und antwortende Vernunft

Aisthetisches Denken und Lernen verbinden sich mit: - einem beweglichen, differenziert abwägenden und vieldimensionalen Denken - Evozieren im Umgang mit multiplen Perspektiven und Kontexten – der Bricolage einer unabgeschlossenen Suchbewegung nach neuen Erkenntniswegen, Ansätzen, Lösungen und Gestaltungen - einem kontextbezogenen Pragmatismus, der die Rechte des Besonderen würdigt und die Verknüpfung verschiedener Möglichkeiten ins Auge fasst, - Erkennendem Wahrnehmen durch hinsehende und antwortende Vernunft

Die Entwicklung einer aisthetischen Kultur „des blinden Flecks“ (Wolfgang Welsch) könnte mithin den Weg in eine entsprechende politische Kultur der Toleranz eröffnen …

Die Entwicklung einer aisthetischen Kultur „des blinden Flecks“ (Wolfgang Welsch) könnte mithin den Weg in eine entsprechende politische Kultur der Toleranz eröffnen …

Kreatives Lernen ist wildes Lernen: Wir brauchen eine neue Lernkultur

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